Gelebte Kirche vor und nach der Wiedervereinigung:30 Jahre Wiedervereinigung unter einem besonderen Blickwinkel

KDFB Vortrag 30 Jahre Wiedervereinigung
KDFB Vortrag 30 Jahre Wiedervereinigung
Datum:
20. Nov. 2020
Von:
Sieglinde Palitza

30 Jahre Wiedervereinigung unter einem besonderen Blickwinkel: Gelebte Kirche vor und nach der Wiedervereinigung
Die erste Veranstaltung des Katholischen Deutschen Frauenbundes Bernhard Lichtenberg nach dem Lock down und selbstverständlich unter Beachtung der Hygiene und Sicherheitsvorschriften fand Anfang Oktober statt. Dieser Termin erforderte unbedingt, das aktuelle Jubiläumsdatum der Wiedervereinigung in den Blick zu nehmen: als christlicher, katholischer Frauenbund stand die spannende Frage im Mittelpunkt, wie Kirche in der ehemaligen DDR gelebt und erlebt werden konnte. Als authentische Zeitzeuginnen sprachen unser Frauenbundsmitglied Silvia Melzner und ihre Mutter Frau Maria Ullmann über die Lebensrealität für Christen im sozialistischen Deutschland der Nachkriegszeit bis heute.

Der überaus lebendige Vortrag brachte der gespannten Zuhörerschaft die ganz persönliche Sicht nah: Kirche wurde vom Staatssystem als Unsicherheitsfaktor, gleichsam als Gefahr gesehen. Sie wurde nicht als juristische Person anerkannt; damit konnte sie auch keine Rechtsgeschäfte tätigen, unter anderem Besitzer von Dingen oder Immobilien sein. Was der Kirche gehörte, bzw gehören sollte , war im Besitz der jeweiligen Pfarrer. Anstelle der heutigen Bistümer gab es 6 Jurisdiktionsbezirke, die jeweils Patenbistümer im Westen Deutschlands hatten, die in jeder Hinsicht Unterstützung leisteten. Priester wurden im einzigen Priesterseminar in Erfurt ausgebildet oder kamen aus dem Bundesgebiet. Gelebt wurden die Kirchengemeinden überwiegend in Gemeindekreisen in Form von Familienkreisen. Der weitaus überwiegende Teil der Bevölkerung lebte nach dem Satz: Ich glaube nix, mir fehlt nix!

Im Heimatort der Familie, in Jena, gab es nur eine Kirche, in der bis zu 5 Sonntagsgottesdienste stattfanden. Zum Teil wurden auch evangelische Kirche für die Gottesdienste genutzt; das war ein Zeichen dafür, wie die absoluten Minderheiten der damaligen Zeit in bester Ökumene zusammenlebten und sich unterstützten. Es entstanden 13 Hauskreise, die, zunächst vom Priester angeleitet, die Keimzellen der katholischen Kirche waren. In gemeinsamen Urlauben unter Gleichgesinnten konnten die Familien frei ihren Glauben leben und auftanken.

Wichtig war den Referentinnen auch die Aussage, dass es nach ihrem Erleben in der Bevölkerung nicht nur Menschen gab, deren Denkstrukturen und Verhaltensweisen schwarz oder weiß waren, es gab dazwischen viel Grautöne, will sagen dass die Orientierungen sich zum Teil auch vermischten.

Für Kinder war es ein Muss, die vorhandenen sozialistischen Einrichtungen zu besuchen; zum Ausgleich fand einmal in der Woche „Die frohe Herrgottsstunde“ in der Kirchengemeinde statt. Auch für Schüler war es so gut wie unmöglich, sich nicht den sozialistischen Kinder- und Jugendorganisationen anzuschließen, wollte man nicht öffentliche Bloßstellungen und Benachteiligungen auch bei Leistungsbewertungen riskieren. Für christliche Erwachsene beschränkte sich die Berufswahl in der Hauptsache auf soziale bzw. pflegerische Berufe und mit viel Glück in einer der wenigen Einrichtungen Arbeit zu finden. Die Karrieremöglichkeiten in anderen Berufen waren eher beschränkt.

Die Suche nach sozialistischen Ersatzzeichen für christliche Feste ist heute noch offenkundig: am bekanntesten ist sicher die Jugendweihe, die eine Analogie zur Firmung darstellen soll. Weniger bekannt sind ein sozialistisches Namensgebungsfest (Taufe), ein sozialistisches Eheschließungsfest, und auch der Schulanfang wird als riesiger Festtag gefeiert. Weihnachten war das sozialistische Friedensfest, mit Liedern und Texten, die kategorisch christliche Wurzeln und Bezüge vermeiden. Neben politischen Texten fanden und finden dabei auch philosophische Texte Verwendung.

Christen beteiligten sich an den Protesten und Demonstrationen im Oktober 1989, die die Wende einläuteten. Der Martinstag 1989, der bereits ein halbes Jahr vorher vorbereitet worden war, hatte das passende Thema: „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern“, als hätte man ahnen können, was kommen wird.

Nun findet natürlich ganz selbstverständlich Religionsunterricht in der Schule statt, Christen können ihren Glauben frei leben, auch wenn sie nach wie vor eine Minderheit in der Bevölkerung darstellen. Frau Ullman als gelernte Krankenschwester war jahrelang Gemeindereferentin in ihrer Kirchengemeinde in Jena und Silvia Melzner ist Religions- und Musiklehrerin in Naila. Einige Gemeindemitglieder von früher haben auch in den neuen Bundesländern ihren beruflichen Weg gemacht, nach der Wende wurden Menschen gesucht, die möglichst eine unbefleckte politische Karriere hinter sich hatten.

Der persönliche und zum Teil emotionale Vortrag der beiden engagierten Frauen beeindruckte die Zuhörerschaft und regte zu Diskussion, Nachfragen und Nachdenken an. Ihnen gebührt Respekt und Anerkennung, in schwierigen Zeiten zum Glauben zu stehen.